Rückblick: Forum SDA 50
Fotos: Pablo Faccinetto
Über 160 Gäste folgten am 14. Oktober der Einladung ins Kornhausforum Bern. Sie hörten zu, wie Praktiker und Theoretikerinnen, Unternehmerinnen und Forscher über neue Berufsbilder, über Gefahren der Beschleunigung, über Design als Erkenntnis und Disziplin der Empathie debattierten. Durch das dichte Programm führte Nina Mavis Brunner präzise und mit wachem Interesse.
Claude Lichtenstein baute mit seinem Einstiegsreferat die Brücke zum Anlass des Jubiläums: Der Berufsverband wurde 1966 als Schweizer Verband Industrial Designers gegründet. Er verhalf dem Berufsstand zur Anerkennung – verspätet, im Vergleich zum Ausland. Industrial Designer hätten den «Eintritt durch die Hintertüre» genommen: lange Zeit anonym, an der Optimierung von Funktionen und Herstellungsprozessen interessiert, mehr als an semantischem Überschuss. Doch es sei gerade diese «realistische Ausrichtung», die langfristig und in Zeiten der Digitalisierung ein Vorteil sein könne. Den aktuellen Zustand der Branche als Teil der Kreativwirtschaft vermisst Simon Grand als Forscher und Professor an der Uni St. Gallen. In seinem Referat machte er deutlich, dass sich Design als Praxis stets neu erfinde. Was Design als Erkenntnismethode leiste, sei denn auch etwas drittes, das zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung angesiedelt werden müsse. Drei Einblicke in Praxis schlossen diesen ersten Block ab und bestätigten sowohl die Aussagen von Claude Lichtenstein als auch von Simon Grand: Rémy Jacquet von Multiple erzählte, wie seine Agentur in La Chaux-de-Fonds sich zusammen mit den Kunden neu erfindet und dabei den Vorteil eines dezentralen Standortes geschickt zu nutzen weiss. Reto Berger von SDA-Fördermitglied Burri Public Elements zeigte, wie der Standortnachteil zu einem Vorteil gewendet werden kann: durch Kenntnis des lokalen Umfeldes, durch die Sorgfalt in der Herstellung und der Konzeption langlebiger Produkte. SDA-Mitglied Therese Naef von Milani Design sprach über die Wertschöpfung, die sie durch die extreme Nähe zu den Kunden erreicht. Dabei wird jeweils eine Gruppe von Designern abgestellt, in der «Garage» des Kunden diesen oder dessen Produkte quasi neu zu erfinden. Denn die Kernkompetenz der Designer sei es, quer zu denken und neue Szenarien zu erfinden.
Was heisst denn hier Zukunft, so leitete Stefan Pabst vom Thinktank W.I.R.E. den zweiten Themenblock ein. Sie werde aufgefressen von der Beschleunigung. Doch in Wahrheit handelt es sich um einen rasenden Stillstand. Die durch die Digitalisierung möglich gewordene «maximale Konfektionierung» ende letztlich in Standardisierung. Gerade hier aber habe Design eine Chance: indem es auf Differenz setzt und Langsamkeit propagiert. Daran schloss Björn Franke von der ZHdK mit seinem Referat an und zeigte, wie Design nicht nur ein Produktions- sondern vor allem ein Erkenntnisinteresse verfolgen sollte. Als Disziplin hat Design die Kraft zu überprüfen und zu verbessern, wie Dinge und Systeme die Gesellschaft strukturieren. Das wiederum geht am besten in Kollaborationen, zeigten die beiden nachfolgenden Berichte aus der Praxis von i-art-Gründer Valentin Spiess, und Beat Keller, von Quo. Im iterativen Prozess wird im Team experimentiert, überprüft und weiter experimentert. Dass dabei die Überprüfung in der materiellen Welt zentral ist, gilt auch für digitale Projekte.
Der dritte thematische Block untersuchte die Kompetenzen, die das Design in Zukunft braucht. Forschen ist wichtig, erläuterte Nicolas Henchoz vom EPFL-ECAL Lab. Statt noch einen neuen Stuhl zu entwerfen, gehe es darum, die wirklichen Bedürfnisse zu erfassen: etwa den nach sozialer Teilhabe. Das wiederum verlangt nach gesicherten Erkenntnissen und einem nachvollziehbaren, forschenden Prozess – es gibt keine Entschuldigung, als Designer naiv zu handeln, betonte Henchoz. Gordan SaviÄić, der an der HEAD den Master Media Design leitet, betonte denn auch, dass die gestalterischen Werkzeuge beherrschen muss, wer die Schnittstellen bearbeitet, sowohl die der digitalen, wie die der realen, taktilen Welt. An der Schnittstelle zum Benutzer forscht auch die EMPA mit dem Gebäude Nest, erläuterte Geschäftsführer Reto Largo. Hier wird am lebenden Beispiel und unter realen Bedingungen getestet, wie der Ressourcenverbrauch beim Wohnen und Arbeiten gesenkt werden kann. Es ist eine nutzerzentrierte Forschung, die auch auf die Kollaboration mit Designerinnen und Designern angewiesen ist. Mona Mijthab von der ZHdK brachte in ihrem abschliessenden Referat eine Kompetenz ein, der für viele der genannten Beispiele zentral ist: die Empathie. Sie beruht auf dem Können der Designschaffenden, sich in andere hineinzuversetzen und Alternativen zu entwickeln und aussagekräftig zu visualisieren. Damit ergänzte die junge Forscherin die im Lauf des Nachmittags aufgerufenen Rollenbilder des Designs mit demjenigen des Moderators, der Vermittlerin zwischen den Welten.
Die Rednerinnen und Redner lieferten Stoff genug, um am anschliessenden Apéro und dem Jubiläumsdinner im Kornhauskeller noch lange und angeregt zu diskutieren.