Nachruf auf Francesco Milani (1937-2026)

Addio, Cecco Milani

Francesco Milani prägte das Schweizer Industriedesign über seine aktive Zeit hinaus. Anfang Jahr ist er mit 88 Jahren verstorben.


Der italienische Namen Francesco Milani klang im Basel seiner Kindheit wohl vielen fremd in den Ohren. Als er eingeschult wurde, sprach er als Sohn einer russischen Mutter und eines Vaters aus Udine kein Wort Deutsch. Der Vater, der gerne fotografierte, vermochte ihm später den Wunsch, an der neu gegründeten HfG Ulm zu studieren, finanziell nicht zu erfüllen. Cecco Milani folgte seinem gestalterischen Interesse und besuchte die Grafikfachklasse an der Kunstgewerbeschule Basel. Die Ausbildung verfeinerte sein Auge, und so fotografierte er nach dem Abschluss ein Jahr im Atelier von Willi und Hermann Eidenbenz. Dass er nicht bei der Fotografie blieb, beruhte auf einem Zufall und auf dem Wunsch, in die Ferne zu gehen. Ein Freund, der bei Alcan Art Director war, lockte ihn nach Kanada. Doch zur selben Zeit reiste eine Bekannte auf Arbeitssuche nach Mailand und nahm, halb aus Scherz, auch Ceccos Mappe mit. Sie fand keine Anstellung; aber er konnte als Grafiker vier Jahre bei Franco Grignani arbeiten, der pionierhaft Grafik, Produktgestaltung und Architektur verband. Das sollte seine erste und letzte Anstellung bleiben.

1962 wanderte er von Mailand zurück in die Schweiz und machte sich ein Jahr später im Tessin als Grafiker selbstständig – mit dem richtigen Gespür, Schweizer Qualitätsbewusstsein mit dem italienischen Sinn für Form und Farbe zu verbinden. Bis 1966 widmete er sich hauptsächlich Grafikdesignprojekten, auch in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Udo Elzi (1932-2023). Den Kontakt zur Deutschschweiz knüpfte Cecco Milani in den Berufsverbänden für Grafik und Industriedesign. Das zeitigte Einladungen für Jurys und Wettbewerbe, etwa für die Teilnahme am Wettbewerb für die Internationale Kampagne von Longines an den Olympischen Sommerspielen 1972. Eingeladen waren zwölf Studios aus dem In- und Ausland, drei davon aus der Schweiz. Milani gewann und erhielt zusätzlich einen Dreijahresvertrag. Das gab die nötige Sicherheit, ein integriertes Atelier- und Wohnhaus für seine junge Familie in Giubiasco zu bauen – ein vollverglaster, modularer System-Stahlbau Jean Prouvé, ausgeführt vom Büro für industrialisiertes Bauen BIB. Hier lebte er bis zuletzt mit seiner Frau Iris, die als Gestalttherapeutin tätig war.

Seine wichtigsten Aufträge stammten aus der Medizintechnik – ein Feld, das besondere technische, ethische und funktionale Anforderungen zu bewältigen hat. 1965 gestaltete Cecco Milani einen Densitometer, ein Farbmessgerät der Firma Gretag. Diese erste Arbeit als Produktdesigner wurde gleich mit der Guten Form und der Guten Industrieform von Hannover ausgezeichnet. Danach arbeitete er 15 Jahre lang mit dem Entwicklungsteam der Firma Gretag. Auf seine Arbeit aufmerksam geworden, erteilte ihm ein Vorstandsmitglied der Drägerwerke in Lübeck zwei Probeaufträge. Mit dem Design des Transportinkubators für Frühgeborene und eines Beatmungsgeräts gewann er Dräger als Kunden – und pflegte diese Kundenbeziehung 28 lange Jahre erfolgreich. Die Jahresverträge gaben Cecco Milani Planungssicherheit. So konnte er bis zu acht Festangestellte beschäftigen, darunter Carola Bartsch und Lukas Häfliger, der über zwanzig Jahre bei ihm blieb.

Die Arbeit für Dräger zeitigte mehrfach preisgekrönte Aufträge in Medizintechnik, Anästhesie, Intensivmedizin, Neonatologie und Homecare. Zu den Auszeichnungen gehören der IF Produkt Design Award für Exzellentes Design, den Red Dot Award: best of the best oder den Design Preis Schweiz. Neben der Medizintechnik war Cecco Milani auch in der Elektro- und Präzisionswerkzeugtechnik, im Maschinenbau sowie in der Fotostudiotechnik tätig. In den 1970er-Jahren entwarf er zudem Tetra-Verpackungen für den Schweizer Markt sowie Verpackungen für die Schokoladenindustrie. Dazu gehören auch experimentelle Arbeiten wie etwa die multifunktionale, vernetzte „Monduhr“ von 1970, die als Vorläufer einer Smartwatch gelten kann.

Cecco Milani prägte das Bild des Schweizer Industriedesigns über seine aktive Zeit hinaus. Er, der sich im Bereich Industrial Design zeitlebens als Autodidakt bezeichnete, verstand seine Rolle als Designer stets als vermittelnde Instanz zwischen Technik, Gebrauch und den Menschen, die damit umgehen. Diesen Anspruch setzte er konsequent in allen seinen Projekten um. Er vereinfachte Benutzeroberflächen und entwickelte Farbleitbilder, welche die Funktionen etwa der medizintechnischen Geräte klar kennzeichnete und die Nutzung bedienungsfreundlicher und somit sicherer machte. Cecco Milani war sich auch bewusst, dass Design in die Gesellschaft vermittelt werden muss. Er sass im Vorstand des Fachverbandes Schweizer Industrial Designers (SID) und war Ehrenmitglied der Swiss Design Association (ehemals SID) sowie Mitglied des Schweizer Grafiker Verbands.

Nachhaltig denkend, fing er mit 59 Jahren an, seine eigene Nachfolge zu planen. Peter Zec, den er vom Red Dot Design Award kannte, beriet ihn. Die Wahl fiel 1997 auf Britta Pukall, die 2002 mit Therese Naef Milani Design übernahm, als Cecco Milani in den Ruhestand ging. Sein Arbeitsarchiv übergab er der Designsammlung des Museum für Gestaltung Zürich. Bis zuletzt widmete er sich mit Leidenschaft seinem botanischen Garten, der seinen Atelier- und Wohnraum in Giubiasco so perfekt ergänzte. Bescheiden wie er war, wusste er, dass Design stets im Austausch mit anderen – den Menschen, der belebten und unbelebten Umwelt – entsteht. Er hätte viel Glück im Leben gehabt, sagte er zum Abschied, als ich ihn letzten Winter in Giubiasco besuchte. Am 5. Januar 2026 hat sich sein Lebenskreis geschlossen.


Ein Nachruf von Meret Ernst im Januar 2026.

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